Die Versicherungsbranche verkauft ein Produkt, das sich am besten verkaufen lässt, wenn der Kunde Angst hat. Genau deshalb hat ein Durchschnittshaushalt in Deutschland mehr Versicherungen, als er braucht — und zahlt typischerweise 600–1.200 € pro Jahr für Policen, die im Schadensfall nichts auszahlen oder die er nie braucht.
Die Liste unten ist nach dem einzig sinnvollen Kriterium sortiert: Wie groß wäre der Schaden, wenn das versicherte Ereignis eintritt — und kann ich ihn allein tragen oder nicht?
Die vier echten Pflichten
1. Privathaftpflicht
Die wichtigste Versicherung im ganzen Land. Wer fahrlässig einen Personenschaden verursacht, kann lebenslang zahlungspflichtig werden — Millionenbeträge sind in der Rechtsprechung normal. Eine gute Privathaftpflicht kostet 50–80 € pro Jahr und deckt mindestens 10 Mio. €. Wer keine hat, geht ein Existenzrisiko ein.
2. Berufsunfähigkeit (BU)
Jeder vierte Erwerbstätige wird im Laufe seines Lebens berufsunfähig — meist nicht durch Unfall, sondern durch Krankheit. Die gesetzliche Erwerbsminderungsrente reicht in fast allen Fällen nicht zum Leben. Eine BU ist teuer (40–120 € pro Monat je nach Beruf und Alter), aber für niemanden mit eigenem Einkommen verzichtbar. Je früher abgeschlossen, desto günstiger.
3. Krankenversicherung
Pflicht in Deutschland — die Frage ist nur GKV oder PKV. Faustregel: gesetzlich für die meisten richtig, privat nur dann, wenn das Einkommen dauerhaft hoch und stabil ist und du Familie nicht über Familienversicherung absichern willst. Der Wechsel zurück ist später extrem schwer.
4. Kfz-Haftpflicht (wenn Auto)
Pflicht. Punkt. Vollkasko nur bei Neuwagen oder Leasing. Teilkasko ist bei Fahrzeugen über fünf Jahre meist verzichtbar.
Die zwei "kann sinnvoll sein"
5. Hausratversicherung
Versichert dein gesamtes Inventar gegen Feuer, Einbruch, Wasser, Sturm. Sinnvoll, sobald der Hausstand mehr als 15.000–20.000 € wert ist (was in einer normalen Stadtwohnung schnell erreicht ist). 60–150 € pro Jahr.
6. Rechtsschutzversicherung
Sinnvoll, wenn du regelmäßig Risiken eingehst, die zum Rechtsstreit führen können (Vermietung, Selbstständigkeit, häufige Auseinandersetzungen mit Arbeitgebern). Für die meisten Angestellten ohne Streitthemen eher Komfort als Notwendigkeit. 200–400 € pro Jahr.
Die "fast immer falsch"-Liste
7. Zahnzusatzversicherung
Klingt vernünftig, ist es selten. Wartezeiten von 8 Monaten bis 5 Jahren, Höchstbeträge in den ersten Jahren, Leistungsausschlüsse für Vorerkrankungen. Wer eine Krone braucht, schließt nicht "schnell mal" eine Zahnzusatz ab. Ausnahme: junge Erwachsene mit guten Zähnen, die langfristig planen.
8. Handyversicherung
Kostet meist 6–12 € pro Monat — das sind 72–144 € pro Jahr. Bei einer typischen Reparatur von 200–400 € musst du das Handy alle zwei bis drei Jahre kaputtmachen, damit sich das rechnet. Selbst dann ist die Selbstbeteiligung oft nahe am Reparaturpreis.
9. Reisegepäckversicherung
Deckt fast nie das, was Menschen erwarten — und die meisten Schäden sind über die Hausratversicherung oder die Reiserücktritt-Police schon abgedeckt.
10. Sterbegeldversicherung
Schließt im Schnitt mehr Geld ein, als sie auszahlt. Ein Tagesgeldkonto mit dem gleichen Sparbeitrag schlägt sie fast immer.
11. Tierhalter-OP-Versicherung
Kann sinnvoll sein bei Hunden mit bekannten Risiko-Rassen — bei Katzen oder gesunden Mischlingen meist nicht. Die Beiträge steigen mit dem Alter des Tieres oft so stark, dass das Sparen aufs Tagesgeldkonto besser ist.
In drei Schritten ausmisten
1. Liste aller laufenden Policen
Online-Versicherungsmakler haben oft eine "Vertragsübersicht"-Funktion. Andernfalls: Ordner aus dem Schrank, alle laufenden Verträge auf eine Seite.
2. Jede Police mit der Liste oben abgleichen
Pflicht / Kann sinnvoll / Fast immer falsch — drei Stapel.
3. Stapel 3 in den nächsten 14 Tagen kündigen
Auf Kündigungsfristen achten (oft 3 Monate zum Vertragsende). Bei Mehrjahresverträgen ggf. Sonderkündigungsrecht prüfen — z. B. nach Beitragsanpassung.
Was am Ende übrig bleibt
Ein durchschnittlicher Single-Haushalt landet nach dem Audit bei 4–6 Policen statt 9–12. Eingespart: 400–800 € pro Jahr. Verloren: nichts, was im Ernstfall einen Cent ausgezahlt hätte.
Versicherungen sind kein Anlageprodukt und kein Statussymbol. Sie sind Werkzeug für Risiken, die du nicht selbst tragen kannst. Alles andere ist Verkaufsprovision für jemand anderen.